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„Vom Schicksal der Familie Adam Sezonov aus Braila“ (von Victoria ZIELINSKI geb. Sezonov, Braila)

18 Mai

Vom Schicksal der Familie Adam Sezonov aus Braila

von Victoria ZIELINSKI geb. Sezonov, Braila [*]

Meine erste Erinnerung an meine Eltern? Ich habe keine erste Erinnerung, die Eltern waren für uns Kinder von Anfang an einfach da. Keine Anfang also und auch kein Ende. Auch das letzte behaupte ich ganz fest. Ihre Fürbitten haben jetzt noch Gültigkeit, lange nach ihrem Heimgang. Gebete gehen nicht unter, sie verlöschen nicht, sie haben Kraft und bleiben lebendig vor Gottes Thron, auch wenn der Mund schweight, der sie aussprach.

Meine schönste Erinnerung an meine Eltern? Auch eine schönste Erinnerung kenn ich nicht. Alles war schön und gut und wir fühlten uns geborgen. Es sind wohl frohe und traurige Erinnerungen, aber bei weitem mehr frohe. Seibst fie traurigen haben etwas Frohes in sich. Zum Beispiel die Kopfschmerzen meiner Mutter. Mir tat es als Kind weh, zu sehen, wie die Migräne ihr oft große Not brachte und ich ihr dabei nicht helfen konnte. Mama band sich dann ein kaltfeuchtes Taschentuch um die Stirn, legte sich auf Sofa und schloß die Augen. In ihrer Nachttischschublade hatte sie blauweibße rimde Schächtelchen mit Nevralgine-Jurist-Tabletten. Wie froh machte es uns, wenn sie nach einer Zeit aufstand und sagte: „So langsam geht es mir wieder besser”.

Mein Vater sah manches voraus. Der Träumen wurde früher viel mehr Bedeutung zugemessen als heute. Das „Träume süß” war ernst gemeint, ein guter Traum gehörte zu einer guten Nacht. Und wenn einer im Familienkreis einen schrecklichen Traum der vergangenen Nacht erzählte, dann nahmen alle daran teil und sprachen ihre Deutungen aus oder versuchten ihn zu entkräften. Einige darauf geschahen auch Unglücke im Betrieb; entweder brach ein Feuer aud oder es erfolgte eine Explosion. In den letzten Jahren träumte er, daß er barfuß gehen mußte. Ein Soldat hatte ihm die Schuhe weggenommen. Ich höre noch Papa sagen: „Es wird eine sehr schwere Zeit über uns kommen, Armut und große Not”.

Meine Mutter war eine weunderbare Frau, eine ganze Christin. Als sie 15 Jahre alt war, hatte sie sich während des Konfirmandenunterrichts ganz zu Gott gekehrt. Auf Gottes Wege gehen und seine Gebote halten, war und blieb ihr immer die Hauptsache im Leben. Eines Tages kam ich nach dem Frühtstück und der Morgenandacht nochmal ins Eßzimmer. Papa war schon in Der Fabrik und der Geschwister in der Schule. Sie wähnte sich alleine. Ich machte die Türe auf Sie kniete vor der aufgeschlagenen Bibel und betete, tränennaß war ihr Gesicht. Sie stand auf. „Warum weinst du, Mama?”. – „Ach so, ich habe für euch Kinder gebetet, daß doch keins von euch verloren gehe”. Meine Mutter hatte nur gute Eigenschaften. Ich kenne keine andere Frau, die mir ein besseres Vorbild hätte sein können. Schon als Kind wollte ich genau so werden wie Mama. Nicht aus Pietät oder aus einem gweissen Abstand heraus, der die Menschen mit einem gweissen Glanz überzogen sieht und die Fehler vergessen macht, sage ich das Jeder, der sie gekannt hat, wird es mir bestätigen können. Als sie 1947 mit meinem Vater in Rümanien verblieben, nach einem schweren Leiden verstarb, schickte mir mein Bruder Emanuel, der nach seiner Flucht sich gerade in Paris aufhielt ein Telegramm: „Unsere Mutter ist heimgegangen. Sie war eine Heilige”. Ihr Leben war nur auf Liebe, Verzeihen, Schlichten, Mitleiden und Helfen eingestellt. Sie wußte, was im Leben wirklich Wert hat und was wertios ist; was jetzt getan werden muß und was unwichtig ist. Schwatzen, Ubelreden oder gar Lügen waren ihr ebenso fremd, wie Hochmut, Putzsucht und Stolz. Sie war fleißig und hatte Freude am Garten und an schönen Handarbeiten. Sie las gerne und führte einen regen Briefwechsel. Ihre Liebe zu den Armen kannte keine Grenzen. So nahm sie zu uns vier Kindern noch ein Waisenkind Iliuscha auf. Und als eines Tages dessen Bruder Grischa seinen Pflegeeltern davongelaufen war, nahmen meine Eltern auch ihn auf. Als Iliuscha zu uns kam, weigerten sich die Hausangestellten den Dreijährigen zu baden, so jämmerlich sah er aus! Schmutzig, im höchsten Grade rachitisch, unterernähert, der Körper und die Kopfhaut voller Eitergeschwüre. Der Arzt, Dr. Vargha, entfernte ihm vor der Behandlung erst sämtliche Haare. Bis dahin war seine Nahrung Tee und eingeweichtes Brot. Jetzt lernte er Lebertran. Obst und Milchbrei kennen. Er kam zum erstenmal in eine Badewanne. Er streichelte das warme Wasser und sagte: „Ce moale!” (wie weich!) Vorher machten sich viele lustig über ihn. Wenn man ihn gefragt hatte: „Eşti un rus?” (Bist du ein Russe?), antwortete er entrüstet: der Seite a, weil er nur mit einem Auge sehen konnte. Er war sehr intelligent. In der Schule wurde er der Klassenbeste und bekam im dritten Schuljahr den „premiul întâi” (1. Preis).

Auch Onkel Fischer gehörte zu unserer Familie. Ein alter, kleiner, sehr lebendiger, freundlicher Herr mit einem Spitzbart, der eines Tages bei uns auftauchte. Er war Bibelkolporteur und missionierte in der Türkei und in Bulgarien. Er sprach mehrere Sprachen und war auch mal als Schiffskoch tätig. Er konnte alles: mauern und tischlern, im Garten arbeiten, auf dem Wochenmarkt prima einkaufen und wunderbare Geschichten erzählen. Er fand bei uns eine Heimat.

So waren unsere Eltern. Oft habe ich so eine Sehnsucht nach ihnen, besonders nach meiner Mutter. Obwohl ich doch schon selbst inzwischen Großmutter geworden bin. Ich frage mich, gaben wir Kinder die Elternliebe nich allzu selbstverständlich hingenommen? Hätten wir ihnen unsere Liebe und Verehrung nicht noch besser zeigen sollen? Ich fand ein Gedicht im Tagebuch meiner Mutter, das zu denken gibt:

„Lieb mich jetzt, solang ich hier bin,

Kurz vielleicht ur, sonst wirst du,

Reue fühlen, wenn die Erde,

Mich umschließt zur letzten Ruh.

Dann hab ich die Lieb des Heilands,

Die die deine mir ersetzt.

Darum, wenn du willst mich lieben;

Bitte, lieb, und zeig mir’s jetzt.”

Erzählt doch mal, wie es früher war!

Wie oft kamen wir Kinder so zu den Eltern! Es gab ja noch kein Radio und kein Fernsehen. Wenn wir die Schularbeiten fertig hatten oder wenn wir müde vom Spielen waren, gab es nichts Schöneres, als zuzuhören. Wir wurden ein eine andere Welt versetzt, eine fremde und doch nicht fremde Welt. Ein Anlaß zum Erzählen war schnell gefunden. Immer dachten wir mit Verlangen an Mutters Schreibtisch, der für uns so begehrte Wunderdinge enthielt, in der Hoffnung Mama würde nach dem Erzählen die Schublade aufschließen und den Packen Postkarten heraunsnehmen und uns jede einzelne zeigen. Auf der einen Seite ein wunderschönes Bild, auf der anderen eine alte Briefmarke und die Adresse; Fräulein Lydia Rosner (der Mädchenname meiner Mutter) sowie der Absender. Und dann würden wir fragen und neue Geschichten hören. Von Bertha und Emma Hess, Sophia Fränzel und Alida Graf, Namen aus ihrem Konstanzaer Jungfrauenverein. Oder sie zeigte mir ihre Häkelmuster aus der Schulzeit und fing zu erzählen an. Oder wir kamen durch den Salon und schauten lange das alte Familienbild an der Wand an; unsere mama umgeben von fünf jungen Menschen, die in ihrer Kleidung so fremd aussahen. „Mama erzählt doch!”. Und sie ließ sich nicht lange bitten. Sie war ja für uns Kinder da, nie sagte sie nervös: „Geht weg, ich hab jetzt keine Zeit!”. Sie nahm sich, von dem Berg Strümpfen ein Paar, suchte Stropfgarn, Pilz, Fingerhut und Nadel, und wir Kinder scharten uns um die herum. „Ihr seid meine zweiten Kinder. Ich hatte vorher schon einmal fünf. Bis auf Adolf, der in der Schwiz wohnt, kennt ihr sie alle. Die Anna, sie ist Kindergärterin in Bukarest; der Albert ist Lehrer in Berlin, Willy wohnt in Kobadin und Fritz, der Mediziner, ist studienhalber gerande in Amerija. Ich war noch unverheiratet, als meine Schwester Therese und ihr Mann kruz hintereinander starben. Was sollte aus den fünf Waisenkindern werden? Ich zog zu ihnen nach Konstanza ins Haus und vertrat an ihnen die Mutterstelle. Das war plözlich eine Arbeit! So manche Jungenhose mußte genäht und gestopft werden! Meine anderen Geschwister standen mir alle hilfmal in Kobadin bei Tante Eva oder bei Tante Karoline verlebt. Einige Jahre ging das so, bis alle aus dem Haus waren. Und dann kam unser Papa. Ich was schon 31 Jahre alt.”

Wir wußten un ganz genau wie es weiter ging. Diese Episode erzählte mein Water immer wieder und mit tiefer Dankbarkeit. Immer wieder, wenn Besuch kam und wenn dieser gerne wissen wollte, wie meine Eltern wohl zueinander gefunden haben, sagte er:

„Meine Familie wohnte in Tulscha am Donaudelta. Meine Eltern stammen aus der Ukraine. Aus Glaubensgründen flohen sie in die damals noch türkische Dobrudscha. Sie waren sehr arm und bekamen ein Stückchen Land zugewiesen. Die Familie Sezonov war groß, acht Söhne und zwei Töchter. Zu mehreren schliefen wir zusammen. Ich war der jüngste. In der Schule war ich ein aufmerksamer Schüler. Erdkunde und Geschichte hatte ich am liebsten. Viel zu schnell vergingen die Schuljahre. Nun mußte ich zu Hause mithelfen beim Dreschen, Hacken oder in der Mühle. Mein Vater fing mit zwei Mühlsteinen an Auch, die Brüder unternahmen Versuche. Eine Ölpresse kam dazu. Als ich soweit war und auch selbständig etwas anfgangen wollte, dachte ich an das Heiraten”. Er lachte dann und sagte: „Schön war ich nicht, aber jung war ich”.

Mein Vater wollte kein Dofrmädchen. Sie sollte anders sein. Unbegingt eine Christin – und eine Deutsche sollte es sein. Aber wo findet man so ein Mädchen? Wie oft mag er Gott um Hilfe gebeten haben! Da kam ihm ein Gedanke. Ob er nicht den Papa Sembat Bagdasarians, den Missionar aus der Schweiz nannte einem Namen: Lydia Rösner aus Konstanza: „Du mußt dich aber beeilen, sie ist sehr begehrt. Bisher hat sie alle Bewerber abgewiesen, weil sie Pflegekinder hatte”.

Und dann strahlte unser papa voller Stolz: „Siebzehn Heiratsanträge hat Eure Mama abgelaschlagen. Ich bekam ihr „Ja”. So machte er sich eines Tages auf den Wen zu ihr. Er war voller Pläne, Schon von seinem Vater erzählte er, daß dieser gerne in der Zeitung gelesen und regen Anteil genommen halte an den Geschehnissen außerhalb seines Dorfhorizontes. Die so verschiedenen Lebenswege interessierten ihn und er sann über den Verlauf der Dinge nach. Dieses Streben nach Höherem, das nicht Zufriedensein mit der erreichten Stute, hatte Papa von ihm geerbt. Wie groß und wunderbar war doch die Welt! Die stand ihm offen. Die Eisenbahn und die Elektrizität, all die Fabriken und Maschinen hatten es ihm angetan. Wr war besselt vom Weiterkommen, um etwas Großes zu schaffen.

Nun war er aber zunächst einmal auf dem Weg, seine Auserählte kennenzulernen. Er brachte ihr ein paar Äpfel, in ein Tuch gewickelt, mit Ob es bei Mama eine Liebe auf den ersten Blick war, ist kaum anzunehmen. Als sie nämlich den fremden Mann in der Türe sah und die Äpfeln werdorben hatte. Doch sie bat ihn freundlich herein. Sie lernten sich kennen, achten und lieben und kaum ein halbes Jahr danach heirateten sie und zogen zuerst nach Tulltscha (Tulcea) und von dort nach Brăila.

Papa baute eine Ölfabrik. Eine Ölpresse genügte meinem Vater nicht, es kamen mehrere hinzu. Später baute er eine Raffinerie und nach weiteren Jahren eine Extraktion auf. Er stellte Speiseöl, Brenn – und Anstreichöl her. Er ließ sich Bücher aus Deutschland kommen und machte so manche Versuche. Aus den Nebenprodukten könnte doch noch etwas fabriziert werden! Er träumte von einer Seifen – und Kerzenfabrik. Er dachte an Margarineherstellung und ließ einer Ingenieur aus Heilbronn/Neckar mit Familie kommen: Karl Beck. Papa war glücklich, daß später auch sein Sohn Emanuel ihm freu zur Seite stand. Ein gutes Gespann, beide fleißig, der Vater mit langjähriger Erhafrung, der Sohn mit neuen Ideen und Vorschlägen.

Die Eltern liebten uns Kinder sehr. Wir wurden streng erzogen. Mich, als einzige Tochter, hatte mein Vater als kleines Mädchen verwöhnt. Er liebkoste mich und lachte: „Wenn dich später jemand heiraten will, ich gebe dich nicht her, nicht für tausend Millionen Quadrillionen!”. Sein Leben war durch Fleiß geprägt. Einen Faulenzer (trantor), der in den Tag hiheinlebte und die Zeit vertat, war ihm zuwider. Unsere Eltern strebten vorwärts. Sie waren Menschen voller Erwartung, keine Satten, keine Genießer. Sie wollten „ganze” Menschen sein. Ich erlebte einmal, wie mein Vater in Tränen ausbrach bei dem Lied: „Ach, Blätter nur!”. Ein Erlebnis aus seiner Soldatenzeit ging mit ihm durch sein ganzes Leben. Ein Wachsoldat stand in Konstanza in seinem Wachhäuschen mit aufgestütztem Gewehr. Er war in Bereitschaft, doch plötzlich überfiel ihn der Schlaf und er nickte stehend ein. Ein anderer merkte es und nahm ihm das Gewehr aus den Händen. Was Wichtigste verpassen zu können, ließ ihm keine Ruhe. Eine der eindrucksvollsten biblischen Geschichten war ihm das Gleichnis von den fünf törichten und den fünf klugen Jungfrauen. Die Sehnsucht seines Lebens war es, zu den bereiten Menschen zu gehören.

Die Eltern waren im Grunde ihres Wesens einfache Menschen, demütig und kindlich gläubig. Wir gehörten zur rumänischen Baptistengemeinde. Sonntags gingen wir morgens und nachmittags zum Gottesdienst. Auch Donnerstagabend versäumten wir keine Bibelstunde. Sonntagvormittag war in Brăila der Hauptmarkt. Es wurde gekauft und verkauft. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern kamen mit ihren Erzeugnissen und wolten unter anderem in unserer fabrik auh Öl kaufen. Mein Vater wurde oft gewarnt, er solle doch diese gute Geschäftszeit nicht verpassen. Aber er blieb dabei. Am Fabriktor hing das Schild „Dumineca absolut închis!” (Sonntags grundsätzlich geschlossen). Als Geschäftsmann war er sehr angesehen. Er hait in Brăila, Kischinew (Chişinău) und Konstanza Versammlungshäuser bauen lassen. Die Baptisten waren damals in Rumänien unterdrückt. Nicht nur verlacht und verspottet, sondern wurden auch hin und wieder geschlagen und ins Gefängnis geworfen, besonders auf den Dörfern. Etwa in Jahre 1930 suchte mein Vater als Präsident der baptischen Union mit zwei Predigern König Karl II. auf und bat um Freiheit des Glaubens. Auch er selbst predigte im Gottesdienst hin und wieder.

Fabrica Braila 1935

(Seite 142) [Ölfabrik des Adam Sezonov in Brăila 1923]

Die Kriegszeit 1939-1945

Wie gewonnen, so zerronnen! Das klingt hart. Ich will es lieber mit einem Liedvers ausdrücken: „Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat weigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, haltern uns zeitlich und ewig gesund.”

1939

Ende Oktober! Meine Brüder Emanuel und Paul waren seit Wihnachten und Silvester verheiratet. Seit einigen Wochen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. In Rümanien selbst noch Frieden. Zu Hause alles im Überfluß. Mich zog es aber gewaltsam nacht Deutschland. Ich war mit einem Reichsdeutschen verlobt. Hans, mein Auserwählter, hatte gerade noch sein Studium beenden könen, dann wurde er eingezogen. Er befand sich in der Infaterie-Kaserne Mühlheim a. d. Ruhr wartete jedoch täglich auf seinen Abtransport nach oleon. Ich hatte keine Ruhe mehr zu Hause, mich zog es in seine Nähe. Der Abschied zerriß meinen Vater schier das Hjerz. Auch meiner Mutter muß es furchtbar gewesen sein. Sie konnten es einfach nicht verstehen, wie ich aus einem behüteten Zuhause in ein Land zog, in dem Krieg war.

Oberhausen, wo Hans’ Eltern wohnten, lag doch unweit der französichen Stellungen. An Bombenangriffe hatte damals noch keiner gedacht, aber an eine möfliche Flucht ins Innere des Landes, an ein Ausbreiten des Krieges. Aber das war ja gerade der Grund meines Entschlusses. Wenn auch in Rümanien der Krieg ausbrechen würde, dann doch wohl gegen Deutschland. Hans in Deutschland, ich in Rumänien? Ein vorläufiges Wiedersehn und ein Briefwechsel wären ausgeschlossen. Wo du bist, will ich auch sein, sagte ich mir. Mir war mein Weg so klar, ich wußte, diesen gehen zu müssen, das war Gottes Wille. Und so kannte ich weder Angst noch ein Hin – und Herschwanken. Doch meine Eltern sagten: „Du hast dort doch nicht von deinem Hans, er ist Soldat. Und du eine Auslandsdeutsche mit einem rumänischen Paß.” Ich erwiderte: „Ich bin im Herzen eine Deutsche und werde dort Rot-Kreuz-Schwester. Und wenn Hans verwundet werden sollte, kann ich ih pflegen.”

Mein fester Entschluß beruhigte meine Eltern schließlich. Ich einer stürmlschen, kalten Regennacht verließ ich mein liebes Elternhaus, zum Bahnhof begleitet vok meinem Bruder Emanuel. Noch, ein letztes Mal versuchte mich mein Vater am Tor unzustimmen: „Schau, wie dunkel und kalt es draußen ist. Du stürzt dich noch ins Ungück!”. Mit den Worten: „Ja, der Weg mag wohl dunkel sein, aber dort ist es hell”, trente ich mich vollends und ging meinen eigenen Weg. Gott gab uns beiden seinen Segen. Am 1 November 1939 fand überrauschend schnell unsere Kriegstrauung in Obserhausen statt und ich wurde Reichsdeutsche.

Sezonovi

(Seite 143) [In der Mitte Frau Lydia Sezonov mit Kindern und Gästen in Brăila 1935]

1940 zu Weihnachten in Brăila

Im Februar starb nach langer Krankheit in Brăila mein Bruder Willy. Im Juli wurde mein Mann als Soldat entlassen und als Ingenieur zu der Kriegsmarinewerft kommandiert. Einige Monate wohnten wir in Wilhelmshaven, in November zogen wir nach Kiel. Wie durch ein Wunder konnten Hans und ich über Weihnachten und Neujahr meine Eltern und Geschwister in Brăila besuchen. Es ging alles so plötzlich und unverhoff, daß wir uns gar nicht erst ammelden konnten. Am 23 Dezember kamen wir um Mitternacht in Brăila an. Es war ein tolles Schneegestöber. Der Zug hatte einige Stunden Verspätung. Eigentlich sollte der Schnellzug Bukarest-Galatz, kurz vor 10 Uhr in Brăila sein. Am konnte es noch gar nicht fassen, nach 14 Monaten wieder zu Hause zu sein und alles war hier wir früher; keine Verdunkelung, keine Lebensmittelkarten! Da hörte ich schon die Stimme meines Vaters: „Wer ist dort, Victoria! Von wo sprichst du denn? War, hier aus Brăila? Wieso, das ist doch nicht möglicht!”. Ja, es war wie ein Traum. Und wie im Traum vergingen auch die Tage und vollbepackt mit elf Koffern und Paketen fuhren wieder nach Kiel zurück.

Die Jahre 1941-1943

Im Oktober wurde unser Günter geboren. Hans war gerade in Brest. Er war oft unterwegs, manchmal wochenlag, überall wo es galt, Schiffe wieder in Stand zu setzen. Trotz den vielen Luftangriffen in den Lebensmittelgeschäften und beim Abholen unserer Lebensmittelkarten war noch zu ertragen. Auf manches Haus in unmittelbarer Nähe fielen Spreng – und Brandbombem. Wie oft blieben wir nach einem Angriff mit abgedecktem Dach und leeren Fensterrahmen. Man konnte stündlich mit dem Tod rechnen. Aber eigenartig, ich kannte keine Angst. Wenn ich im Luftschutzkeller saß, denn bis zum sicheren Bunker waren es 15 Minuten zu laufen, Günterchen auf dem Schoß, eine Wolldecke über uns als Schutz gegen das Dröhnen der Motore und gegen den herabfallenden Staub, konnten wir getröstet ein Lied nach dem anderen singen. Ich wußte uns in Gottes Armen geborgen. Ich wußte, uns würde nichts geschehen, was Er nicht zuließ. Ich war bereit, Gutes und Schweres von Ihm anzunehmen. Wozu sich sorgen! Auch aus Brăila von den Eltern und Emanuel und aus Buzău von Bruder Paul hatten wir gute Nachrichten. Sie hatten oft Einquartierung von deutschem Militär, die ihnen frohe Absweschlung brachten. Wir konnten einen regen Briefwechsel führen.

1944

Im Dezember 1943 bekamen wir die Nachricht von einer schweren Erkankung meines Vaters. Er bekam eine kleine Wunde im Gesicht. Für ihn als Diabetiker bedeutete das Lebensgefahr. Ich wollte meinen Vater so gerne noch einmal wiedersehen. Und das Erstaunliche geschah. Auf Grund eines ärztlichen Attestes bekam ich für mich und für unseren kleinen Günter die Reisegenehmigung. Auch diesmal wieder über Wichnachten und Neujahr, wie vor drei Jahren. Abber welches Glück, sieben ganze Wochen durfte ich zu Hause sein!

In Kiel blieb Hans zurück, betreut von Frau Lembke. Im esten Kieler Jahr wohnten wir in Untermiete bei ihr. Als eines Tages ihr Haus von Spreng – und Brandbombem zerstört wurde, konnten wir ihr helfen. Nun wohnte sie bei uns in Untermiete. Die Tage zu Hause waren für uns wunderschöhn. Mein libeer Vater, von den Ärzten schon aufgegeben, wurde durch die Wiedersehensfreude gesund. Günterchen war der Sonnenschein der Großeltern. Eingentlich hätten wir noch länger dableiben können. Aber eines Tages im Februar sagte mein Vater sehr bekümmert: „Die Front rückt immer näher. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du mit Günter, ihr müßt auf alle Fälle weg. Trotz der Bombenansgriffe seid ihr in Kiel sicherer.” Ach, warum haben meine Eltern nicht alles stehen und liegen gelassen und sind mit mir nach Deustchland gefahren!? Nie wieder gaben wir uns gesehen. Kein enziges Mal war es ihnen gegönnt, ihre Tochter in Deutschland zu besuchen. Wieviel Reisen haben sie in ihrem Leben vorher gemacht: in die Schweiz, nach Italien, Schweden, Frankreich und Deutschland! Aber nie konnte ich ihnen mein Zuhausse zeigen. Nie konnten sie an meinem Familienleben teilnehmen. Ich habe meine Eltern sehr geliebt, daum tut es mir so weh, und ich frage, warum war ihr Ende so schwer? Warum mußte meine Mutter so leiden? Warum mußte mein Vater so allein zurückbleiben?

Nun überstürzte sich das Geschehen in Rumänien. Im August flohen Hals über Kopf meine Brüder mit ihren Familien aus Brăila und Buzău. Sie zogen sich mit dem deutschen Militär zurück über die Karpaten. Keiner wußte recht wohin und wie lange. Die V-Waffen sollten eingesetzt werden und die Kriegswende bringen. Dann würde man bals wieder zurückkehren können. Aber es kam anders. Immer weiter ging es in westlicher Richtung. Eines Tages im Oktober standen meine Brüder, ohne eine Verbindung miteinander gehabt zu haben, vor unserer Tür in Kiel. Wir waren einige Tage beisammen. Dann kehrten sie zu ihren Familien zurück, die sich in Berlin und in Wittenberge an der Elbe aufhielten.

1945

 Die Front rückt noch näher. Emanuel verläßt Wittenberge und hofft in der Schwiz eine Heimat zu finden, da seine Frau Ina geb. Höhn eine Schweizerin ist. Sie mit den kleinen Töchtern Manuela und Erika dürfen dort bleiben, aber Emanuel wird nicht aufgenommen. Nur besuchweise kann er sich dort aufhalten, ein Heimatrecht wird ihm nicht gewärt. Das war sehr unsgerecht von den Schweizern! Die Familie gehörte doch zusammen. Vier Jahre lang hofften sie vergebens, Emanuel in Paris und die Familie in Solothurn bei Familie Steinke. Sie wanderten schließlich nach Chile aus. Zwölf Jahre lang war Südamerika ihre Heinmat. Jetzt leben sie in den Vereinigten Staaten in Houston/Texas. Noch in Frankreich wurde ihnen ein Werner geboren, in Santiago de Chile das vierte Kind Robert.

Paul lebte mit seiner Frau Gerda geb. Borkenhagen und ihren beiden Kindern Norbert und Virgia vier schwere Nachkriegsjahre in Berlin. Sie hatten die „Stalinorgel”, den Einmarsch der Russen, hunger, Krankheit und Elend dort erlebt. Sie haben ihre neue Heimat in Melbourne/Australien gefunden.

Und unsere Eltern? Sie blieben in Brăila. Das Vermögen wurde verstaalicht. Ich danke Gott, daß er wenigstens nicht zuließ, daß sie von Haus und Hof vertrieben wurden. Sie durften im eigenen Hause, str. Griviţei 202, wohnen bleiben. Man überließ ihnen ein Zimmer, für das sie Miete zahlen mußten. Lange Zeit wußten wir nicht voneinander. Keine Post, keine Nachricht, zwei Jahre waren wir wie abgeschnitten voneinander. Während dieser Zeit hat Mama ein Tagebuch gefürt, das nach ihrem Tode in unsere Hände gelangte. Oktober 1947 starb unsere Mutter, November 1951 unser Vater. Hier einige Auszüge aus den Tagebuchblättern:

Adam şi Lidia Sezonov

(Seite 146) [Lydia und Adam Sezonov. 1945 in Brăila]

April 1947 – „Frühjahr ist es geworden. In unserem Hof steht ein kleines Aprikosenbäumchen, das ist voller Blüten. Unsere Kinder können es nicht sehen, da nicht eins zu Hause ist. Das ist traurig.”

19 mai 1947 – „Wir sitzen beide im Hof und warten auf den Postboten. Ich möchte doch zu gerne wissen, wie es euch geht.”

1 Juni – „Wa ist nachts halb drei Uhr. Ich kann nicht schlafen. Bald wrdet ihr wohl hier sein. Ich freue mich ja so sehr. Ich habe immerzu Schmerzen. Aber ich bitte Gott um Genesung.” (Die Mutter wurde sehr krank und mußte zweimal operiert werden).

15 Juni – „Ich will mich auf die Barmherzigkeit meines Hellandes stützen.”

9 August – „Ich muß weinen, daß mein Heiland mir diese Krankheit auferlegt hat. Will er mich denn schon so langsam heim holen? Es ist 11 Uhr nachts. Papa ist mit deadea Luke drüden im Zimmer sie erzählen. Ich kann nicht schlafen, habe Schmerzen, sie kommen von der Galle.”

12 September – „Werde ich euch noch sehen hier auf Erden? Wahrscheinlich nicht. So soll es im Himmel sein, beim Vater im Licht. Da strebet danach! Ich bitte für euch.”

14 September – „Schmerzen habe ich etwas mehr heute. Doch ist es Gottes Wille, so kann er mir Gesundheit geben. Ich bitte ihn darum.”

16 September – „O, es geht der Heimat zu! Sehen wir uns hier nicht mehr, so haben wir eine ewige Heimat. Dort gehe ich hin, der Herr Jesus ist mein Erlöser. haltet ihr euch auch zu Gott, meine Kinder.”

30 September – „Ich habe ohne Aufhören Schmerzen. Immer schwächer werde ich. Mein Gott, steh mir bei, hilf mir tragen, lindere meine Schmerzen. Ich bin ja dein Eigentum.”

2 Oktober – „Wenn ihr doch nur bald kommen könntet! Ich wünsche so, daß ihr bald kommt.”

5 Oktober – „Es ist mir schwer, so im Bett zu liegen. Doch, Gott sei Dank, große Schmerzen habe ich nicht. Bin allein zu Hause. Papa ging zur Versammlung.”

9 Oktober – „Gott über alles und in allem, Jesus Christus unser Heiland, sei du mit uns alle Tage, leite uns auf deinem Wege. Sei du der Wegweiser meiner Kinder, darmit auch nicht eines verloren geht. Öffne ihnen ihre Herzen. Augen und Ohren für Dich. Sei du gnädig und barmherzig, vergib Sünde und Übertreitungen nach deiner großen Güte. Steh mir bei in meiner schweren Krankheit. Amen!”

10 Oktober – „Heute morgen mußte ich immerzu stöhnen, es ist mir so schwer. Der Herr wird mich ja weiterführen, durch all das Schwere hinüber ins Vaerland, wo ich dann alle meine Lieben erwarte. Hier ist unser Bleiben nicht, unsere Heimat ist droben beim Herrn Jesu.”

Ein einem Mittwoch abend, dem 22 Oktober um halb 8 Uhr, ist unsere Mama entschlafen. Freitag nachmittag 4 Uhr wurde sie in die Erde gebettet. Die Mutter ihrer Schwiegertochter, Frau Elly Höhn und unsere Cousine Elena Savin standen ihr treu in ihrer Krankheit bei und waren unserem Vater eine Hilfe in seiner Not.

In Deutschland ging es langsam aufwärts. Wir zogen ins Ruhrgebiet und fingen ganz von vorne wieder an. Wir wohnten zuerst in einem möblierten Zimmer, dann in einer kleinen Manswardenwohnung. Wie habe ich meinen lieben Vater herbeigsehnt! Er überlebte vier Jahre meine Mutter. Zwei Wochen nach sienem Heimgang erreichte mich erst die Nachrich. Er starb an einer Lungen-emblie. So endete sein irdisches Leben: ein Aufstieg und ein Niedergang!

Ich gestehe, daß ich manchmal mit Neid andere Familien sehe, wie sie, trotz Krieg unf Flucht, beieinander geblieben sind oder nach Jahren wieder zueinander gefunden haben. Unsere Familien blieben getrennt: Rumänien, Australlen, Vereinigte Sttaten und Deutschland. Mit Wehmut denke ich an den Evangellschen Friedhof in Brăila. Drei Gräber, verwildert und verlassent! Wie troslos, wenn ich nicht an ein Weiterleben nach dem Tod glauben würde! So ist unser Leben: hier vergänglich und umsonst gelebt? Nein! Es hat sich gelohnt. Ich bin dankbar für jedes Wort, für jeden Blick, für jede Tat. Ein Leben reich an Liebe und Güte. Ich danke, daß ich solche Eltern haben durfte und ein so schönes Zuhause. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt.” Ich will versuchen, das weiterzugeben an Kinder und Kindeskinder, was ich geschenkt bekommen habe”.

______

[*] “Jahrbuch 1973 der Dobrudscha-Deutschen“, Herausgegeben von Otto Klett (Eigenverlag, Heilbronn = im Eigenverlag des Herausgebers mit Unterstützung der Patenstadt-Heilbronn), Seiten 138-147

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Ein Kommentar

Verfasst von - Mai 18, 2014 in Uncategorized

 

Eine Antwort zu “„Vom Schicksal der Familie Adam Sezonov aus Braila“ (von Victoria ZIELINSKI geb. Sezonov, Braila)

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